Geschichte der Frauenkirche
Die freie Reichsstadt Nürnberg bestand im Mittelalter
aus zwei Stadtteilen, einer Siedlung um die St. Sebald-Kirche im Norden
und einer um St. Lorenz im Süden. Diese beiden Stadtteile
waren durch die Pegnitz voneinander getrennt.
Hier an dieser Stelle, an der sich heute der Marktplatz und die
Frauenkirche befinden, entstand im 12. Jahrhundert ein Judenviertel
mit einer Synagoge. Als um das Jahr 1323 die beiden
Stadtteile mit einer Mauer verbunden wurden, rückte dieser
Platz in das Zentrum der Stadt und damit auch in den Mittelpunkt des
Interesses. Der Rat der Stadt Nürnberg wollte nun an dieser
Stelle einen großen Marktplatz errichten
und ersuchte um die Erlaubnis bei dem damaligen Herrscher Karl IV.
Dieser hatte als Herrscher eine Obhutspflicht gegenüber den
jüdischen Mitbürgern seines Reiches. Da seine
Herrschaftstellung jedoch in Frage gestellt und keineswegs gesichert
war, stiftete er Städte seines Reiches zu Judenverfolgungen
an, um in den Besitz des jüdischen Vermögens zu
kommen, damit seine Parteigänger zu belohnen und sich ihre
Unterstützung zu sichern.
Im Sinne dieser Politik kam ihm der Wunsch der Nürnberger nach
einem zentralen Marktplatz gelegen. Im Vorfeld gab er den bis dahin
judenfreundlichen Nürnbergern die Erlaubnis, wenn nicht sogar
die Aufforderung, die jüdischen Mitbürger zu
vertreiben. So kam es im Dezember 1349 zu einem schrecklichen Judenpogrom,
bei dem mindestens 562 Juden verbrannt und die
Synagoge abgerissen wurden.
In Zusammenhang mit diesem schrecklichen
Kapitel Nürnberger Geschichte und der Geschichte der
Frauenkirche stehen mehrere Kunstwerke:
Etwa in die Mitte des Ostchores wurde am Boden ein Davidstern
aus Bronze eingelassen. Dieser "Judenstern" soll uns - auch
bei der Feier des Gottesdienstes - an die Synagoge erinnern, die einst
hier ihren Platz hatte.
Auch der Tabernakel im Unterbau des
Flügelaltares erinnert an die Synagoge. Die Form des
Tabernakels ist einer Torarolle, der Heiligen Schrift der Juden,
nachempfunden. Damit soll auch die enge Verbundenheit zwischen Judentum
und Christentum zum Ausdruck gebracht werden.
Seit Oktober 1998 befindet sich links neben der Orgel, am
Übergang vom Kirchenraum zum Ostchor, eine moderne
Sandsteinskulptur des Nürnberger Künstlers
Prof. Wilhelm Uhlig.
Sie stellt die Heilige Edith Stein im Ordensgewand
der Karmelitinnen dar. Wie man auf dem "Wappen" ablesen kann, war sie
Jüdin. 1891 in einer jüdischen Kaufmannsfamilie
geboren, in ihrer Jugendzeit Atheistin, ließ sie sich mit 31
Jahren taufen. Als 1933 ihre wissenschaftliche Karriere aufgrund des
Nichtariergesetzes endet, verwirklicht sie ihren lang gehegten Wunsch
und tritt in den Orden der Karmelitinnen ein. 1942 wurde sie in
Auschwitz vergast.
Ihr Glaubens- und Lebenszeugnis, vor allem aber die Tatsache, dass sie
Judentum und Christentum auf besondere Weise in ihrer Person
vereinigte, bewog die Gemeinde der Frauenkirche, ihre Skulptur an
diesem denkwürdigen Ort aufzustellen.
Gleichzeitig mit der Erlaubnis zum Abriß des
Judenviertels durch die sog. Markturkunde legte Karl IV. fest,
daß anstelle der Synagoge eine Marienkirche errichtet werden
solle. Mit dieser Kirche, die Karl IV. dann im Jahre 1355 stiftete,
verband sich nicht nur eine religiöse, sondern auch eine
politische Absicht.
Um als Herrscher von Gottes Gnaden gelten zu dürfen, war es
notwendig, im Besitz der so genannten Reichskleinodien zu sein. Diese
Zeichen seiner Macht (Karl IV. wurde 1356 zum deutschen Kaiser
gewählt) wollte er im Zentrum des Reiches, in
Nürnberg aufbewahren.
Die Reichskleinodien (= die Reichsinsignien:
Kaiserkrone, Reichsapfel, Mantel, Zepter und die Reichsreliquien: die
Heilige Lanze und die Heiligen Nägel, u.a.) sollten
nun in der dafür gestifteten Frauenkirche aufbewahrt werden.
Wohl waren Sicherheitsbedenken des Kaisers dafür
verantwortlich, daß es letztendlich nie dazu kam. Er
ließ sie in die Nähe von Prag, auf die Burg
Karlstein, bringen. Wie Sie später erfahren werden, ist das
Raumkonzept aber dennoch von diesem Gedanken, Heiltumsschrein
für die Reichskleinodien zu sein, geprägt. Denn der
Bau der Kirche war bereits in vollem Gange, das Konzept konnte
nichtmehr rückgängig gemacht werden.
Die Reichskleinodien kamen erst unter Kaiser Sigismund 1423 wieder nach
Nürnberg, wo sie in der Heilig-Geist-Kirche aufbewahrt wurden.
Vor Napoleon wurden sie 1796 über Regensburg nach Wien
gebracht, im 2. Weltkrieg hat sie Hitler für kurze Zeit wieder
in Nürnberg aufbewahren lassen. Heute befinden sie sich wieder
in der Hofburg zu Wien.
Im Jahre 1525, nachdem Nürnberg
zur Reformation übergetreten war, wurde die Frauenkirche evangelisch.
Sie wurde umgestaltet zu einer Predigerkirche mit Emporen an den
Seitenwänden.
Im Jahre 1806 kommt Nürnberg zum
neuen Königreich Bayern, ab diesem Zeitpunkt gilt
zum ersten Mal in der Geschichte für alle Bürger
Religionsfreiheit. 1810 erwirbt die katholische Gemeinde von der
evangelischen die Frauenkirche. Nachdem die Kirche durch Reformation
und Säkularisation über keinerlei Innenausstattung
mehr verfügte, wurden Kunstwerke aus abgerissenen
Nürnberger Klöstern angekauft. 1816
konnte dann der erste katholische Gottesdienst in
dieser Kirche gefeiert werden.
Durch die Bombenangriffe von 1945 wurde
die Frauenkirche schwer beschädigt. Nur die Westfassade mit
der Vorhalle und dem darüberliegenden Chor, die alte Sakristei
auf der Südseite wie die nördliche und
südliche Außenmauer blieben erhalten. Die Kunstwerke
waren rechtzeitig im sogenannten Kunstbunker unterhalb der Burg
ausgelagert worden und konnten so erhalten bleiben.
Von 1983 bis 1991 wurde die Kirche gesamtrestauriert.
Dabei wurde der gesamte Chorraum neu gestaltet nach den
Grundsätzen des II. Vatikanischen Konzils: Der Altar
rückte nach vorne und verbindet nun Kirchenschiff und Chorraum
auf ideale Weise. Der Altar, Symbol für Christus, soll in der
Mitte des gottesdienstlichen Geschehens stehen und die Gegenwart
Christi beim Gottesdienst verdeutlichen.
Auch der Unterbau des Flügelaltares wurde erneuert und ein
moderner Tabernakel geschaffen. Dieser Tabernakel erinnert an eine
Torarolle, die Heilige Schrift der Juden, und will die enge Verbindung
zwischen Judentum und Christentum deutlich machen. Er betont
gleichzeitig neben dem Sakrament, der Heiligen Eucharistie, die
Bedeutung des Wortes Gottes. Darüber hinaus will er auch an
die Synagoge erinnern, die einst hier ihren Platz hatte.
Im südlichen Seitenschiff befindet sicheine Klais-Orgel,
die ebenfalls im Rahmen der Restaurierung gebaut wurde. Sie
umfaßt 3052 Pfeifen und 42 Register.
Im nördlichen Seitenschiff wurde ein Fresko aus dem 14.
Jahrhundert freigelegt. Diese Wandmalerei zeigt Episoden aus dem Leben
zweier Märtyrer, die allerdings aufgrund ihres
fragmentarischen Erhaltungszustandes schwer zu deuten sind.
Der Raum
Die Kirche wurde wahrscheinlich von Peter Parler
in den Jahren 1352 - 1361 errichtet. Er war der Dombaumeister Karl IV.
und hat den Veitsdom in Prag vollendet.
Der Gedanke, hier die Reichskleinodien aufzubewahren, hat den Raum
gestaltet.
Das klassische gotische Raumgefühl führt die Augen
der Betrachter in die Höhe und nach vorne in den Altarraum.
Dieses Raumgefühl wird hier erweitert, denn der Raum ruht in
sich. Dies wird zum einen dadurch hervorgerufen, dass die Seitenschiffe
gleich hoch sind wie das Mittelschiff (eine der ersten Hallenkirchen
Frankens!). Zum anderen steht das Kirchenschiff auf einem nahezu
quadratischen Grundriß, der eine Mitte hat. Diese Mitte liegt
zwischen den vier Pfeilern und genau dort sollten die Reichskleinodien
in einem Schrein aufbewahrt werden. Da es im Mittelalter keine
Bestuhlung gab, diente der Raum dann den Prozessionen um diesen Schrein.
Der Raum vermittelt aufgrund dieser architektonischen Besonderheiten
Geborgenheit. Er hat einen bewahrenden Charakter, und
schließlich sollte hier auch etwas aufbewahrt werden.
Gleichzeitig entspricht dieses Raumgefühl, dieses Ruhen, auch
einer religiösen Sehnsucht der Zeit, dem Ruhen in Gott.
Über der Vorhalle befindet sich der Michaelschor.
Er sollte als eine Art Herrscherloge dem Kaiser zur Verfügung
stehen und es ihm ermöglichen, an den Zeremonien um die
Reichskleinodien in Abgeschiedenheit teilzunehmen. Der Chor ist nach
dem Erzengel Michael benannt, der der Schutzherr von Kaiser und Reich
war.
Auch die Außenfassade steht in Verbindung mit der
Idee dieser Kirche. Die Westfront (außen) sollte als eine Art
Monstranz oder Schaubühne zum Zeigen der Reichskleinodien
dienen. Der Balkon, der sicher dafür größer
geplant war, sollte dies ermöglichen.
Die Kunstwerke
Der Tucheraltar im Ostchor
Dieser Altar, von einem unbekannten Meister um 1445 beschaffen, ist das
bedeutendste Zeugnis Nürnberger Tafelmalerei vor Albrecht
Dürer. Er wurde geschaffen als Hochaltar für das
Augustinerkloster St. Veit, das 1816 abgerissen wurde.
Auf der Vorderseite von links:
Der Hl. Augustinus im Gespräch mit seiner Mutter, der Hl.
Monika; Verkündigungsszene; Kreuzigung; Auferstehung; die Hl.
Einsiedler Paulus und Antonius.
Diese Tafelmalerei bildet mit ihrem Goldgrund, aber den schon sehr
lebendig und persönlich gestalteten Figuren den
Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit.
Darüber befindet sich eine Strahlenkranzmadonna
aus dem Jahre 1440. Über ihr Haupt halten zwei Engel eine
Krone.
Direkt über der Krone befinden sich drei
Fensterscheiben (nebeneinander), die Originalscheiben des
Kaiserfensters. Karl IV. hat sie der Frauenkirche gestiftet,
sie sind somit die ältesten Glasmalereien Nürnbergs
überhaupt. Links ist der Hl. Paulus mit dem Schwert zu sehen,
in der Mitte Maria mit dem Kind, rechts der Hl. Christopherus. Die
anderen Fenster sind Stiftungen Nürnberger Patrizierfamilien
aus dem 16. und 17. Jahrhundert.
Die lebensgroßen Figuren im Chor:
links nähern sich die Hl. Drei Könige der
Gottesmutter, im Chorschluss links neben der Strahlenkranzmadonna
Johannes der Täufer, rechts von ihr Christus als
Schmerzensmann, auf der rechten Seite vermutlich die Hl. Ludmilla,
Herzogin von Böhmen und Großmutter des folgenden Hl.
Wenzel, dem böhmischen Nationalheiligen.
Rechts und links in den Fensternischen sehen Sie 18
Leuchterengel aus der Schule von Veit Stoß, um das
Jahr 1510.
Auf der Nordseite, vom Haupteingang gesehen aus links,
befinden sich folgende Kunstwerke:
Das Pergenstorffer Epitaph mit Maria als
Schutzmantelmadonna. Dieses Sandsteinepitaph (Epitaph =
Gedächtnistafel für einen Verstorbenen) wurde von der
Familie Pergenstorffer gestiftet für die Augustinerkirche, die
1816 abgerissen wurde.
Adam Kraft schuf dieses Werk um 1498. Es zeigt Maria als
Schutzmantelmadonna der Christenheit: links unter ihrem Mantel befinden
sich geistliche und weltliche Würdenträger wie auch
einfache Leute, rechts Mitglieder der Stifterfamilie.
Am Marienaltar auf moderner Mensa eine Muttergottes
mit Kind um 1480.
Daneben eine Gemälde um das Jahr 1520, die Heilige
Sippe. In der Mitte links Maria mit dem Jesuskind auf dem
Schoß, neben ihr ihre Mutter Anna und ihnen zugeordnet ihre
Männer, links Josef und rechts Joachim. Dazu drei kleine
spielende Engel.
Am Übergang vom Kirchenschiff zum Chor befindet sich
links noch ein Epitaph von Adam Kraft, das Rebeck'sche Epitaph
mit der Krönung Mariens. Es entstand um das Jahr 1500 und
zeigt, wie Maria von Gottvater und Gottsohn gekrönt wird.
An zwei Pfeilern fallen gebogene Gemälde
auf. Auch hier handelt es sich um Epitaphe, Gedächtnistafeln
für Verstorbene.
Links die Auferstehung Christi um 1440
(Künstler unbekannt), rechts ein Epitaph des
königlichen Küchenmeisters Michael Raffael
(links im Bild mit Rüstung), das um 1489 vermutlich von
Michael Wolgemut geschaffen wurde. Hier wird der Erzengel Michael
zweimal nebeneinander abgebildet, links als Drachentöter und
rechts als Seelenwäger.
Blicken Sie nach hinten zur Vorhalle, so sehen Sie über dem
Eingang ein Tymphanon. Es zeigt im oberen Feld die
Kreuztragung Christi, im unteren die Grablegung.
Die Vorhalle
Diese Vorhalle überstand die Kriegszerstörungen des
Jahres 1945. Ihr Figurenschmuck, aus der Erbauerzeit um 1360, ist durch
das Marienpatrozinium bestimmt: Im Bogenfeld (Tympanon) über
dem Innenportal sehen Sie links unten die Geburt Jesu, darüber
die Verkündigung des Engels an die Hirten, rechts unten die
Anbetung der drei Weisen aus dem Morgenland, im oberen Feld die
Darstellung Jesu im Tempel.
In den Kehlen der Gewölberippen weisen alle Figuren auf den
kommenden Messias hin:
Könige des Alten Testaments, Propheten und Heilige. Der
Schlussstein im Gewölbe zeigt die Krönung Mariens.
"Das Männleinlaufen"
Schlag 12 Uhr mittags erscheinen die sieben
Kurfürsten
(die Erzbischöfe von Mainz, Köln und Trier, der
König von Böhmen, der Herzog von Sachsen, der
Markgraf von Brandenburg und der Pfalzgraf bei Rhein) und erweisen dem
Kaiser ihre Reverenz.
Damit wird erinnert an die Goldene Bulle Kaiser Karls IV. im
Jahre 1356, in der u.a. festgelegt wurde, daß jeder neu
gewählte König oder Kaiser seinen ersten Reichstag in
Nürnberg halten müsse.
Der zierliche Giebel von 1509 ist das letzte Werk Adam
Kraft's, das der schon vom Tod gezeichnete noch mit letzter Kraft
geschaffen hat.
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